Mehrkatzenhaushalt – Eine Herausforderung für Zwei- und Vierbeiner

Eine Einzelkatze in der Wohnung zu halten wird inzwischen kaum noch befürwortet. Mindestens zwei Samtpfoten sollen sich bei Abwesenheit des Halters Gesellschaft leisten und für Abwechslung im Lebensalltag sorgen.
Viele Haushalte beschliessen auch unabhängig von der Haltungsform mehr als eine Katze bei sich aufzunehmen. Oft entwickelt sich dieser Haushalt erst nach und nach, wenn zum Beispiel ein Pflegling aufgenommen wird der dann doch am Ende bleiben darf.

In vielen Fällen klappt das recht unkompliziert. Die Tiere organisieren sich früher oder später selbst und kommen mit den Artgenossen mehr oder weniger gut zurecht. Als Tierpsychologin erlebe ich vor allem die Fälle, wo es nicht so einfach klappt und weiss daher von den Schwierigkeiten, die in einem Mehrkatzenhaushalt auftreten können. In vielen Fällen könnte Vorbeugung und frühzeitiges Auffangen beginnender Schwierigkeiten zwischen den Katzen helfen, dass es nicht zu grösseren Störungen kommt.

ARTIKEL Mehrkatzenhaushalt Konfliktsituation

Typische Konfliktsituation mit mangelnden Ausweichmöglichkeiten.

Charakterkatzen

Katze ist nicht gleich Katze, das wird jeder Katzenliebhaber bestätigen können. Jede Katze hat ihre eigenen Vorlieben, Aktivitätsrhythmen und grundlegenden Charaktere. In einem Mehrkatzenhaushalt wird diese Individualität der Einzelkatze gerne übersehen und die Bedürfnisse der einzelnen Tiere geraten in den Hintergrund.
Einige Katzen sind zum Beispiel sehr selbstbewusst und fordern aktiv die Zuwendung des Zweibeiners ein. Sie erhalten dann automatisch mehr Beachtung vom Halter, weil sie einfach da sind und sich bemerkbar machen. Die zurückhaltenden Stubentiger würden den Kontakt mit ihren Zweibeinern ebenfalls geniessen, werden aber immer mehr verdrängt und ziehen sich zurück.
Manche Stubentiger benötigen mehr Ruhezonen und Rückzugsorte als andere und einige Tiere suchen besonders stark nach aktiven Spielanreizen.
Jungkater probieren im Spiel gerne ihre Kampftechniken aus und können manch weibliches Geschwisterkätzchen damit stark unterdrücken und verängstigen. Ältere Stubentiger haben ein grösseres Ruhebedürfnis als Jungtiere und fühlen sich durch den jugendlichen Leichtsinn schnell gestört und gestresst.

ARTIKEL Mehrkatzenhaushalt Geschwister

Jungkater spielen gerne grobe Raufspiele, während weibliche Jungtiere eher Beutespiele bevorzugen. Die Entwicklung zwischen Schwester und Bruder kann daher leicht mal kippen und sollte im Auge behalten werden.

So unterschiedlich die Charaktere unserer Katzen sind, so unterschiedlich sind auch deren Bedürfnisse. Auch und gerade in einem Haushalt mit mehreren Katzen ist es daher sehr wichtig, diesen Bedürfnissen Rechnung zu tragen und die Haltungsumwelt entsprechend zu gestalten.

Aktive Tiere sollten körperlich und geistig ausgelastet werden um die weniger aktiven oder ängstlicheren Artgenossen nicht unter deren Tatendrang leiden zu lassen. Zurückhaltende Tiere können durch gezielt eingeplante, gemeinsame Aktivitäten etwas aus der Reserve gelockt werden. Der aktive, fordernde Stubentiger wird zu diesen Zeiten etwas zurückgedrängt und lernt, nicht immer im Mittelpunkt der Welt zu stehen. So wird Raum geschaffen für die Tiere, die sich nicht trauen diesen einzufordern.
Jungkatzen sollten in ihrer Entwicklung bis zu zwei oder drei Jahren genau beobachtet werden. Gerade wenn es sich um unterschiedliche Charaktere handelt, kann eine zu Beginn harmonische Beziehung mit der Zeit kippen, wenn sich die Katzen immer weiter auseinanderentwickeln. Wird ein Jungkater mit einem weiblichen Wurfgeschwister aufgenommen ist dieses Thema besonders relevant. Kater entwickeln im Spiel viel gröbere Formen als weibliche Tiere und gehen dabei schnell mal zu weit. Weibliche Katzen können zwar lernen damit umzugehen, aber das erfordert einen sehr starken Charakter und manchmal auch die aktive Mithilfe der Zweibeiner. Manchmal kann es sinnvoll sein die Tiere zeitweise zu trennen und nur unter Aufsicht zusammen zu lassen um eingreifen zu können.

Aber selbst wenn man alles tut um den Bedürfnissen der Charakterkatzen Rechnung zu tragen kann es manchmal einfach schief gehen. In dem Fall sollte es eine durchaus legitime Überlegung sein, für eines der Büsi ein neues, entspanntes Zuhause zu suchen.

Wohngemeinschaft mit unterschiedlichen Ansprüchen

Viele Zweibeiner bevorzugen eine aufgeräumte Wohnung. Man will schnell durchsaugen können, es muss ordentlich aussehen wenn Besuch kommt und es braucht Raum um sich frei bewegen zu können. Katzen haben ganz andere Ansprüche an ihren Lebensraum um sich wohl zu fühlen.
Da sich die meisten Katzen ihren Lebensraum nicht selber aussuchen können, halte ich es für fair, dass wir unsere Bedürfnisse zugunsten der Katzen etwas zurückschrauben. Mit etwas Kreativität ist es durchaus möglich beiden Bedürfnissen gerecht zu werden.

Gerade im Mehrkatzenhaushalt ist es wichtig viele Wege innerhalb der Wohnflächen zu haben, um sich zuverlässig aus dem Weg gehen zu können. Nichts ist schlimmer für die Deckung liebenden Katzen, als sofort entdeckt zu werden und alle Augen auf sich zu spüren. Ungesehen zu sein und doch alles im Blick zu haben ist für die Stubentiger das Lebensmotto. Viele Konflikte zwischen den Tieren entstehen genau dadurch, dass es zu wenig Wege und zu grosse einsehbare Flächen in Wohnräumen gibt. Starrduelle können dann über einige Meter ausgetragen werden und so manche Katze traut sich deswegen kaum noch vom Fleck.
In Gegenden mit sehr aufgeräumten Gärten kann dieses Thema übrigens auch zwischen Nachbarskatzen eine Rolle spielen! Erneute Auseinandersetzungen zwischen den Katzen treten daher gerne im Herbst auf, wenn die Gärten für den Winter gerichtet werden. Pflanzen werden gestutzt, Gartenmöbel weggeräumt, Zimmerpflanzen wandern zurück in die Wohnung. Die zuvor strukturierte Fläche, ist plötzlich kahl. Katzen, die sich zuvor zuverlässig aus dem Weg gehen können, sind nun stärker gestresst, da sie ihren Artgenossen viel häufiger schutzlos gegenüberstehen.

ARTIKEL Mehrkatzenhaushalt Geschuetzte Wege

Katzen suchen geschützte Wege und Orte auf, von denen sie alles sehen können, selber aber nur schlecht entdeckt werden.

Eine dreidimensionale Gestaltung der Wohnung und die Strukturierung von Wohnflächen ist daher eine besonders wichtige Massnahme, um Konflikten zwischen den Katzen vorzubeugen und oft auch zu beheben. Möbel die mitten im Wohnraum stehen, statt an der Wand, können hier eine einfache Hilfe sein. Durch stabile Regalbretter an den Wänden oder geschickt gestellte Möbel kann der Auf und Abgang zu erhöhten Aussichtsposten ermöglicht werden und mehr Wege schaffen. Dabei sollte jeweils darauf geachtet werden, dass keine Sackgassen entstehen. Freie Regalbretter, offene Schränke, Schubladen und Kommoden laden zum Ruhen ein. Die Tiere bleiben hier leichter unbemerkt und haben doch alles im Blick.
Konfliktzonen, in denen die Tiere regelmässig aufeinander treffen, können mit einem Mehr-Wege-System aufgelockert werden. Die Region um Katzenklappen herum ist so eine häufige Konfliktzone, wie auch enge Flure oder Katzenklos. Oft reichen schon grössere Pflanzen oder Hocker, die in diesem Bereich „unordentlich" aufgestellt werden, um diese Zonen aufzulockern.

Gerade die Katzenklos sollten diesbezüglich besondere Beachtung finden. Meist stehen sie in einer weniger beliebten und schlecht einsehbaren Ecke um nicht weiter aufzufallen. Was für den Zweibeiner ganz sinnvoll scheint, stellt für Katzen im Mehrkatzenhaushalt jedoch nicht selten eine tragische Falle dar. Oft handelt es sich um Sackgassen, aus denen es nur einen Zu- und Abgang gibt. Bei Hauben-Klos ist das ohnehin der Fall. Einige Stubentiger machen sich „einen Sport" daraus, ihren Artgenossen genau dort aufzulauern und sie nicht mehr heraus zu lassen. Unsauberkeit beginnt nicht selten aus genau diesem Grund.
Neben dem passenden Standort des „stillen Örtchens" gibt es beim Thema Katzenklo noch weiteres zu bedenken, um den kätzischen Bedürfnissen Rechnung zu tragen.
Je mehr Katzen im Haushalt leben, desto mehr Katzenklos sollten an verschiedenen Orten aufgestellt werden. Vor allem in mehrstöckigen Wohnungen ist es sinnvoll in jedem Stock mindestens ein Katzenklo bereit zu stellen. So hat jede Katze zu jedem Zeitpunkt die Chance ungestört ihr Geschäft zu verrichten. Als hilfreiche Regel hat sich herausgestellt, je Katze ein Katzenklo und ein zusätzliches dazu aufzustellen. Bei fünf Katzen wären also sechs Katzenklos sinnvoll, zumindest wenn die Tiere in der Wohnung gehalten werden und nicht auch draussen ihr Geschäft verrichten können. Dabei macht es wenig Sinn alle Katzenklos in einer einzelnen Ecke oder einem kleinen Raum aufzustellen, denn es kommt nicht auf die Anzahl der Schalen an einem Ort an, wie es häufig fälschlicherweise interpretiert wird. Es geht um die Anzahl der Orte, an denen Ausscheidungsverhalten möglich ist! Das alleine wird schon die Frage klären, wie viele Katzen in einer Wohnung zusammen gehalten werden sollten. Machen Sie es daran fest, wie viele voneinander entfernte Orte sie auswählen können, um dort ein Katzenklo aufzustellen, dann hat sich diese Frage schnell geklärt. Genauso wenig wie Sie, wollen auch die Stubentiger in einem überdimensionalen Katzenklo leben, doch eine grössere Populationsdichte erfordert mehr Möglichkeiten um ein harmonisches Miteinander zu gewährleisten.

ARTIKEL Mehrkatzenhaushalt Katzenklo

Katzenklo mit Mehr-Wege-System, offen und doch geschützt.

Die Grösse der Katzenklos, das Streu und die Häufigkeit der Reinigung spielen ebenfalls eine Rolle, wenn es darum geht den Katzen das Optimum zu bieten. Ich empfehle gerne mehrere Möglichkeiten anzubieten und zu prüfen welche besonders geschätzt werden. Wenn nur eine Variante verfügbar ist, werden die Katzen diese mit hoher Wahrscheinlichkeit wählen, mangels passender Alternativen. Will man ganz sicher gehen, kann man den Stubentigern aber für eine Zeitlang einfach mal den Luxus bieten aus verschiedenen Angeboten zu wählen.

Kratzmarkieren für den Frustabbau

Geeignete Stellen zum Kratzmarkieren sind sehr beliebt, das gilt auch für Einzelkatzen. Teils werden hierfür die Sofa-Ecken, andere Polstermöbel oder auch Tapeten herangezogen, zu „Freuden" der ordnungsliebenden Zweibeiner. Der Kratzbaum verstaubt dagegen in seiner Ecke und wird von den Stubentigern keines Blickes gewürdigt.
Legale Kratzmöglichkeiten sollten dort aufgestellt werden, wo die Katzen sie gerne annehmen. Dabei ist teilweise ausprobieren angesagt um die passenden Stellen zu finden. Wird das Sofa gerne in Mitleidenschaft gezogen, ist dort aber ganz sicher ein passender Ort für einen Kratzbaum.
Kratzmarkieren ist eine gängige Möglichkeit um nach Konflikten oder in Spannungssituationen Frust und Stress abzubauen. Beim Warten auf das Futter, bei versperrten Wegen oder nach einer kurzen Auseinandersetzung mit einem Artgenossen. Auch Übermut endet gerne in ausgiebigem Kratzmarkieren.
Kratzmarkieren hilft dabei, die auftauchenden Spannungen und anderen Erregungszustände abzubauen. Überall dort, wo Konfliktzonen ausgemacht werden können ist es daher hilfreich, neben der Auflockerung der Zonen, dort Kratzstellen anzubieten. Das hilft ihren Katzen und schont die Wohnungseinrichtung.

Urinmarkieren – Die unbeliebte Kommunikation unter Katzen

Mit einer optimal eingerichteten Katzenwohnung und der passenden Unterstützung einzelner Charakterkatzen kann es klappen, dass die Tiere friedlich zusammenleben und dem Menschen sehr viel Freude bereiten.
Selbst wenn alles passt ist jedoch die „Gefahr" von Urinmarkieren im Mehrkatzenhaushalt deutlich erhöht. Durch diese Form der Kommunikation organisieren sich die Tiere untereinander, sie sehen darin nichts Unrechtes. Je optimaler die Katzen zusammen passen und die Lebensumstände an die Katzen angepasst werden können, desto weniger Urinmarkieren ist nötig, um das Zusammenleben zu organisieren. Tritt also Urinmarkieren auf, ist dies ein deutliches Indiz dafür, dass irgendwo Unstimmigkeiten vorhanden sind, die nicht anders kommuniziert werden können.
Mit der Aufnahme einer Katze in den eigenen Haushalt geht jeder Zweibeiner das Risiko der Kommunikation über Urinmarkieren unweigerlich ein und sollte sich dessen unbedingt bewusst sein.
Wird das Verhalten frühzeitig entdeckt und können die Ursachen rechtzeitig behoben werden, wird das Verhalten für die Katze wieder unnötig. So ist Markierverhalten in der Regel gut in den Griff zu bekommen. Auftreten kann es aber immer wieder mal, denn auch Nachbarskatzen können das Verhalten mit beeinflussen.

ARTIKEL Mehrkatzenhaushalt Markieren

Markierverhalten gehört zum normalen Ausdrucksverhalten unter Katzen. Jede Katze kann dieses Verhalten auch  in der Wohnung zeigen. Bei optimalen Haltungsbedingungen wird dieses Verhalten aber unwahrscheinlicher.

Katzen können sich anpassen, aber...

Katzen sind unglaublich anpassungsfähig sind und kommen oft auch mit den denkbar ungünstigsten Haltungsbedingungen gut zu Recht, ohne auffällig zu werden oder den Haltern zur Last zu fallen. Viele Katzen sind mit einem Haubenklo im Gäste-WC lange Jahre unauffällig und nutzen es anstandslos. Die Stubentiger arrangieren sich auch mit weniger optimal eingerichteten Wohnungen und ungeliebten Artgenossen oft überraschend gut. Viele erste Spannungen zwischen den Katzen werden aber einfach nicht bemerkt, bis sie dann mit der Zeit zunehmen und „plötzlich" Unsauberkeit, Markierverhalten oder Aggressionsverhalten auftauchen.
Daher ist es nicht sinnvoll die Anpassungsfähigkeit der Stubentiger immer bis aufs letzte einzufordern. Je mehr Punkte zugunsten der Katzen umgesetzt werden können, desto grösser ist die Chance, dass das Zusammenleben auch auf Dauer harmonisch bleiben kann.

Buchtipp zum Thema:

„Aller guten Katzen sind…? Der Mehrkatzenhaushalt“ von Sabine Schroll

Zur Autorin:

Katrin Schuster ist erfahrene Tierspychologin (Schweiz, Österreich, Deutschland). Ihr Schwerpunkt liegt bei der ganzheitlichen Verhaltensberatung für Hunde- und Katzenhalter. Der Leitsatz „Verständnis ist der erste Weg zur Besserung" begleitet ihre Arbeit mit dem Tierhalter. So versucht sie die Ursachen für unerwünschtes Verhalten aufzudecken um in der Verhaltenstherapie genau dort anzusetzen. In zahlreichen Vorträgen, Seminaren, und Workshops (auch online) profitieren interessierte Tierhalter von ihrem Wissen und ihrer Erfahrung.
www.tierberatung-bodensee.com

Tierschutzverein e.V. Stadt- und Landkreis Lindau/Bodensee
Fraunhoferstraße 40
88131 Lindau/Bodensee

Telefon: +49 (0)8382/72365
info@tierheim-lindau.de

Impressum | Datenschutz